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Tim Atkin MW: Südafrika 2021 - Ein tiefer Einblick


Tim Atkins Übersetzung des Berichts

Im Januar erwarb ich ein T-Shirt, das das Jahr 2020 als Film bewertete. Es erhielt die großzügige Note von einem von fünf Sternen und eine ernüchternde Kritik: „Entsetzlich. Nicht zu empfehlen." Manchmal ist Lachen der beste Weg, um eine herausfordernde Zeit zu verarbeiten. Allerdings fiel es oft schwer, ein Lächeln aufrechtzuerhalten. Wir hatten gehofft, 2021 bringe das Ende der Pandemie, doch sie bleibt ein ständiger Begleiter. Geimpfte, so wie ich, können dennoch erkranken, wie ich während des Verfassens dieses Berichts erlebte. Wir sind müde und ängstlich. „Gatvol“ – wie man auf Afrikaans sagt: wir haben genug.

Nur sehr wenige Länder sind den verheerenden Auswirkungen der COVID-19 Pandemie entkommen und Südafrika gehört sicherlich nicht zu ihnen. Die junge Bevölkerung hat die Zahl der Todesopfer zwar ein wenig reduziert, jedoch haben immer noch 84.000 Menschen ihr Leben durch dieses schreckliche Virus verloren – und die Zahlen steigen. So äußerte sich Cathy van Zyl MW in einer Online-Diskussion über die Zukunft der Weinindustrie Südafrikas mit der traurigen Erkenntnis, dass es „Südafrika wohl schlimmer als alle anderen getroffen hat."

Die Weinproduktion in Südafrika ist stets mit Herausforderungen verbunden; man erinnere sich nur an die schrecklichen Dürren in den letzten Jahren. Doch die Jahre 2020 und 2021 forderten von der Industrie übermenschliches Durchhaltevermögen. Unternehmen, die auf den lokalen Markt angewiesen sind, mussten zwischenzeitlich mehrfach den Verkauf von Alkohol einstellen und kämpften oft um ihre Existenz. Die naiven Hoffnungen, die Anti-Alkohol-Lobby würde mit dem Ende der Pandemie verstummen, sind enttäuschend.

Trotz aller Schwierigkeiten ist es nun unerlässlich, die südafrikanische Weinindustrie ins rechte Licht zu rücken. Oft sind es die Einheimischen, die das Potenzial nicht erkennen. Aber das Kap genießt zunehmenden kommerziellen Erfolg auf den Export-Märkten. Während ich an diesem Bericht arbeitete, erfuhr ich, dass der Verkauf von südafrikanischem Wein nach Großbritannien, dem größten Exportmarkt Südafrikas, bis August 2021 um 43 % gestiegen ist. Ja, gewiss, viel von dem, was das Land verlässt, wird in Großmengen zu niedrigen Preisen verkauft, jedoch befindet sich das Image der Kapweine auf einem Allzeithoch.

Dieser Bericht ist mein neunter über die südafrikanische Wein-Szene. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Bericht im Jahr 2013, als ich nervös war, wie er ankommen würde. Heute bin ich da schon etwas selbstbewusster. Wenn man hart arbeitet und sich mit Ehrlichkeit und Integrität präsentiert, werden Leute deine Arbeit lesen und dir zuhören. Die gleiche Arbeitsmoral und der Wunsch, stets das Beste zu geben, sind eines der vielen Dinge, die mir bei den aktuellen südafrikanischen Weinmachern, Winzern, Vermarktern und Vertretern der Industrie, ungemein imponieren. Sie sind zwar untereinander nicht immer derselben Meinung, jedoch haben sie ein gemeinsames Ziel: südafrikanischen Wein als bester Produzent der Neuen Welt zu etablieren.

Wenn wir uns jeden Morgen im Spiegel anschauen, merken wir oft nicht, wie die Zeit vergeht - mein 60. Geburtstag im letzten Monat hat mir jedoch Anlass zum Nachdenken gegeben. Und vielleicht sollte Südafrika dasselbe tun. Das, was bisher erreicht wurde, nicht erst seit 1994, sondern auch in den neun Jahren, in denen ich diesen jährlichen Bericht herausgebe, ist wahrlich bemerkenswert. Keine andere Weinindustrie hat solche Fortschritte erzielt, keine andere Weinindustrie besitzt eine derartige Energie und solch einen Enthusiasmus. Gerade jetzt ist es wichtig, diesen Erfolg nicht aus den Augen zu verlieren. Momentan befindet sich Südafrika aus vielerlei Gründen in einer eher düsteren Lage, wobei seine besten Weine jedoch als wahres Leuchtfeuer in dieser Dunkelheit leuchten.

Das Land braucht mehr fähigere, und weniger korrupte Politiker – tun wir das nicht alle? – zudem ein besseres Bildungssystem und eine Wirtschaft, die mehr Menschen einen existenzsichernden Lohn bietet. Wein allein kann das natürlich nicht beheben. Aber er kann Touristen ans Kap ziehen. Und wenn das nicht gelingt, kann er den Geschmack Südafrikas auf den Tisch zaubern. Ich bezweifle, dass sie enttäuscht sein werden.

Südafrika
auf einen Blick: 10 Dinge, die Sie wissen müssen

1. Nach den neuesten OIV-Zahlen (International Organisation of Vine and Wine) ist Südafrika der siebtgrößte Weinproduzent der Welt und der viertgrößte in der Neuen Welt nach USA, Argentinien und Australien. Die Gesamtrebfläche (derzeit 92.005 Hektar) ist seit einem Höchststand von 102.146 Hektar im Jahr 2006 rückläufig, mit einem kleinen Rückgang von 62 Hektar zwischen 2019 und 2020, jedoch einem viel größeren Rückgang von 8.563 Hektar in den letzten zehn Jahren. Die brutale vierjährige Dürre zwischen 2016 und 2019 erklärt diesen Rückgang teilweise, wobei einige Weinberge an Wassermangel starben. Aber die geringe Rentabilität des Weinbaus und die verständliche Entscheidung der Landwirte, auf andere Kulturen umzustellen, sei es Obst, Blumen oder Tee, hat ebenfalls zum längerfristigen Trend beigetragen. Es ist kein Zufall, dass das Kap seit 2010 um die 25 % seiner Weinbauern und 7,7 % seiner Weingüter verloren hat.

Die positiven Nachrichten sind, dass der Jahrgang 2021 mit 1.136,4 Millionen Litern trotz aller logistischen und pandemiebedingten Komplikationen gegenüber 2020 um 9 % gestiegen ist und die Qualität als sehr gut bezeichnet wird, in einem der kühlsten Jahrgänge aller Zeiten. Südafrika besitzt keine Klassifizierungssysteme wie Frankreichs Bordeaux oder Burgund. Mit dem Fokus auf die bestgeeigneten Gegenden für individuelle Rebsorten wird der nächste Schritt in Südafrikas Entwicklung eine größere Präzision im Weinberg sein.

Wir hoffen auf bessere Zeiten für Südafrika!