Der Reiz der Weinverkostung
Magazin | Journal Weinverkostung, Wissenswertes, Südafrika
Das Probieren von Wein ist wirklich faszinierend. Es ist ein intuitiver Prozess, den wir oft unterschätzen. Dennoch zählt Wein zu den komplexesten Sinneserfahrungen.
Wein ist ein einzigartiges Sinnesobjekt, das viele Sinne gleichzeitig anspricht:
- Unser Sehsinn
- Unser Geruchssinn, der Aromen orthonasal durch die Nase und retronasal über Mund und Rachen erfasst
- Unser Geschmackssinn, der süß, sauer, bitter, salzig und umami erkennt
- Unser Tastsinn, der Textur, Temperatur und würzige Verbindungen analysiert
Sogar unser Gehörsinn wird aktiviert, durch das Geräusch von eingegossenem Wein oder die Worte eines Sommelier.
Wein verbindet alle Sinne zugleich. Jeder Schluck initiiert ein multisensorisches Erlebnis im Gehirn, welches Informationen filtert und priorisiert, fast so, als müsste es komplexe Entscheidungen treffen.
Visuelle Reize dominieren unsere Wahrnehmung: Menschen treffen oft zuerst visuelle Entscheidungen. Die Farbe eines Weins kann unsere olfaktorische und geschmackliche Analyse stark beeinflussen. Ein Weißwein mit rotem Farbstoff wird oft fälschlicherweise mit roten Früchten assoziiert.
Die Farbintensität verstärkt diesen Effekt: Dunkle Weine erscheinen oft aromatischer. Studien zeigen, dass die Sinne für Geschmack und Geruch aktiver werden, wenn die Augen geschlossen sind. Wenn die Augen geschlossen sind, kann die Wahrnehmung intensiver sein, während das Sehen dominiert, wenn sie geöffnet sind.
Wir neigen dazu, den Wein zuerst visuell wahrzunehmen, bevor wir ihn kosten. Unser Gehirn erwartet aufgrund visueller Hinweise bestimmte Geschmäcker und verstärkt diese. Die Reihenfolge der Sinneseindrücke beeinflusst unsere Weininterpretation, und Preise können unser Urteil verfälschen: Teure Weine werden tendenziell besser bewertet.
Eine klassische Verkostungsmethode ist Auge-Nase-Mund – was frühere Eindrücke bestätigt und die Aromen verzerrt. Eine Alternative wäre die Mund-Nase-Auge Reihenfolge: Zuerst Geschmack und Textur, gefolgt von retronasalem Geruch und schließlich den visuellen Informationen. In der Vergangenheit haben Verkoster Silberbecher (Tastevin) verwendet, um den Fokus auf den Geschmack zu lenken.
Blindverkostungen in dunklen Gläsern minimieren den Einfluss der visuellen Wahrnehmung. So können die Aromen unvoreingenommener beurteilt werden. Dies ermöglicht eine echte Entdeckung der Aromen, denn das Vorwissen über Farbnuancen entfällt. Schließlich kann der Wein in einem klaren Glas noch einmal betrachtet werden – zwei Verkostungen zum Preis von einer.